Siemensstadt ist ein traditionsreiches und historisch gewachsenes Unternehmen, welches einen enormen Einfluss sowohl auf die architektonische Gestaltung des Stadtteils Siemensstadt (Fabrikhallen und Siemens Wohnsiedlungen) als auch auf das Leben tausender Mitarbeiter hatte und hat. Meine Intention war es, dem Rezipienten einen allgemeinen sowie geschichtlichen Überblick über die Entstehung und Philosophie (Arbeiten, Wohnen, Freizeit) der Firma Siemens in kompakter Form darzubieten. Dabei ist es nicht zu übersehen/überhören, dass eine positive Stimmung transportiert wird. Neben dem Hauptakteur, dem „Erzähler“, wurden etliche Atmos aus der direkten Umgebung gezogen und so im Stück akzentuiert, dass sie die Aussagen unterstützen und hervorheben. Die Klangarbeit richtet sich primär an interessierte Personen die nicht zwangsläufig in Siemensstadt wohnen weshalb ein Haupttransportmittel, die U-Bahn, dem Stück einen Rahmen gibt, der sowohl den Anfang als auch das Ende einleitet. Diese Stringenz soll den Besucher auf eine Reise mitnehmen die zwar virtuell stattfindet, in die er aber klanglich (auch aufgrund der OKM Stereofonie) relativ realistisch versetzt wird.
Beschreibung des für die Arbeit verwendeten Materials:
1) Herangehensweise / Konzeption
Als geborener Rheinlandpfälzer (Hackenheim) und späterer Hesse (Frankfurt am Main) war mir der Berliner Stadtteil Siemensstadt anfangs nicht bekannt. Natürlich hatte ich gewisse Assoziationen die ich mit der Firma Siemens verband. Dennoch war mir anfangs unklar welche Punkte ich speziell hervorheben wollte. Nach einer gewissen Einarbeitung in die Materie Siemensstadt sowie sorgfältiger Recherche, wollte ich zunächst den sozialen Aspekt betonen; das Leben der Menschen in Siemensstadt. Mein Teampartner Marc Poppcke und ich haben daraufhin umfangreiches Audiomaterial in Siemensstadt gesammelt. Nach der Sichtung der Audiodateien war für mich schnell klar, dem Rat von Prof. Sam Auinger zu folgen, der uns anhielt, Ideen erst nach dem Besuch von Siemensstadt zu entwickeln bzw. umzusetzen. Durch Zufall hatten Herr Poppcke und ich den ehemaligen Chefstatistiker von Siemens getroffen, der uns in Form eines ca. fünfundvierzigminütigen Berichts die Geschichte von Siemens und dem daraus resultierenden Berliner Stadtteils Siemensstadt nahegebracht hatte. Die in diesem Gespräch gelieferten Informationen empfand ich als äußerst wertvoll, so dass ich entschloss ein eigenständiges Projekt zu entwickeln. Es sollte sowohl geschichtliche als auch zwischenmenschliche/soziale Aspekte enthalten.
2) Bearbeitung der Audiodateien
Nach Festlegung der Richtung der Klangarbeit wurde das Audiomaterial erneut gesichtet und der Sprecher (aufgezeichnet mit OK Mikrofonen und einem M-Audio Fieldrecorder) in seinen Inhalten auf das wesentliche gekürzt. Diese Arbeit war neben den inhaltlichen Kriterien eine reine Fleißarbeit, da die Hintergrundgeräusche eine nahtlose Verbindung der erlesenen Soundschnipsel sehr erschwert hat. Nachdem die verschiedenen Regions in Logic Pro 8 geschnitten und neu editiert waren, wurden diese durch diverse Atmos ergänzt. Diese Atmos wurden ebenfalls mit den OK Mikrofonen von Soundmann aufgezeichnet um eine durchgehend gleiche Soundästhetik zu erzielen. Insgesamt wurden die verschiedenen Audiodateien auf zwölf Spuren zusammengefasst. Des weiteren wurden neben der Längenbearbeitung die Lautstärken der einzelnen Regionen mit Hilfe der Lautstärkeautomationsfunktion zueinander angepasst und leichte EQ (Equalizer) Einstellungen vorgenommen. Die Stimme des Erzählers wurde zusätzlich leicht komprimiert, um ihr mehr Präsenz zu verschaffen. Im Masterchannel wurde ein Limiter eingesetzt, um etwaige Clippings gänzlich zu unterbinden. Additiv habe ich mit einer leichten Kompression im Masterchannel gearbeitet, um die Gesamtlautstärke etwas anzuheben und ein wenig die Dynamik zu verringern die Speziell im Kontrast der Atmos zu den Erzählpassagen zu erkennen ist.
3) Umsetzung der Konzeption
Siemensstadt ist ein Stadtteil Berlins, der neben einer ausgedehnten wirtschaftlichen Nutzung auch über eine große Anzahl an Wohnsiedlungen und Erholungsgebieten verfügt. Das Projekt „Siemensstadt“, welches im Rahmen des Master Studiengangs Sound Studies im Fach Elektronische Klanggestaltung bei Prof. Sam Auinger in Auftrag gegeben worden ist, sollte einen akustischen Eindruck dieses doch geschichtsträchtigen Ortes darstellen. Hierbei war eine freie Auseinandersetzung mit dem Thema Siemens/Siemensstadt einer der Zielsetzungen. Nach etlichen Überlegungen, zwei Begehungen der Örtlichkeiten und einhergehenden Aufnahmesessions wurde das aufgenommene Material gesichtet. Die aufgezeichneten Soundfiles (speziell die Atmos) wurden zu großen Teilen nach vorherigen Überlegungen aufgezeichnet und gezielt ausgesucht. Dennoch hatte ich das Glück eine spezielle Person direkt vor Ort in Siemensstadt anzutreffen, die eine Fülle an Informationen bereithielt die ich dem Zuhörer nicht vorenthalten wollte. Das brachte mich dazu von meiner ersten Idee, der Erstellung einer Klangkollage, ein Stück weit abzuweichen, bzw. diese durch weitere Informationen zu ergänzen. Die Person die nun im Mittelpunkt meiner Arbeit steht ist der Ehemalige Chefstatistiker. Während eines Berichtes zum Thema Siemensstadt hatte er einen Punkt besonders betonte. Dies gab mir den ausschlaggebenden Impuls mein Werk in eben dieser Weise auszuführen wie ich es getan habe. Siemensstadt ist nach Meinung des Statistikers ein Ort für: „Arbeit, Wohnen und Freizeit“. Dieser Leitsatz, sagt sehr viel über das Unternehmen Siemens aus, aber auch über den Stadtteil Siemensstadt. Das Gebiet ist so ausgelegt, den Angestellten einen möglichst kurzen Weg zur Arbeit zu gewährleisten bei gleichzeitig hohem Lebensstandart durch siemenseigene Wohnanlagen sowie großzügige Sport- und Erholungsanlagen in direkter Umgebung. Die Aussage „Arbeiten, Wohnen und Freizeit“ wurde durch den Chefstatistiker so glaubwürdig akzentuiert, dass es für mich klar war, diesen Ablauf des täglichen Lebens besonders hervorzuheben, bzw. zu benennen. Diese Betonung wird eingangs durch eine Rhythmik unterstrichen, die im Verlaufe des Klangstücks zu Gunsten anderer akustischer Einflüsse erst weichen muss. Dann findet sie aber gegen Ende zum Stück zurück und stellt somit eine Art roten Faden dar, der sich durch das Leben der in Siemensstadt ansässigen Angestellten zieht. Der Beitrag ist ein Monolog, der sowohl über die Entstehungsgeschichte von Siemens selbst, als auch über die Entstehung von Siemensstadt Aufschluss erteilt. Inhaltlich war es mir wichtig einen historischen Rundumblick zu schaffen, der von der Entstehung bis zur heutigen Zeit führt. Dieser inhaltliche Punkt wird in Form der Darstellungen des Cheffstatistikers erfüllt. Um die Wohnsituation sowie die Freizeitaktivitäten in Siemensstadt darzustellen, wurden Atmos der in Siemensstadt stehenden Kirchen (wohnen) hinzugemischt sowie Aufnahmen eines Fußballtuniers (Freizeit), welches in einem nahegelegenen Park stattfand. Zusätzlich sind die Stimmern von Kindern als Akzentuierung enthalten. Diese fungieren als Repräsentanten der ansässigen Schulen und Kindergärten (die nächste Generation wohnen). Neben der Firma Siemens haben sich mittlerweile auch andere Industriezweige in Siemensstadt niedergelassen die ebenfalls in Form einer hinzugemischten Atmo Erwähnung finden (BMW Niederlassung Siemensstadt Arbeiten). Da nicht alle Mitarbeiter von Siemens auch tatsächlich in Siemensstadt wohnen ist die U-Bahn eine Konstante, die den Tag für viele Mitarbeiter indirekt einleitet, bzw. es dem Zuhörer erleichtern soll, sich in die Situation hineinzudenken, da dieser wahrscheinlich ebenfalls mit den öffentlichen Verkehrmitteln angereist ist. Deshalb startet das Stück mit der Einfahrt der U-Bahn in die Haltestelle Siemensdamm und der entsprechenden Ansage, gefolgt von der Rhythmisierung einer schließenden Tür, die immer repetierend den Alltag bzw. das wiederkehrende Eintreffen am Arbeitsplatz symbolisiert. Dementsprechend ist auch das Ende der Soundfile gekennzeichnet von der Rhythmik der schließenden Tür sowie der abfahrenden S-Bahn. Dabei ist festzuhalten, dass der Zuhörer immer im Mittelpunkt steht und somit klanglich in der Bahn sitzt / ankommt und auch beim Verlassen nicht von Außen als Zurückgelassener, sondern als im Geschehen verwurzelter Teilnehmer involviert ist. Die Auswahl der Information, der klangliche Fingerabdruck, wurde also so gewählt, dass der Zuhörer ohne größere Umwege sich gegebenenfalls in die Lage eines Siemensmitarbeiters versetzen kann und anschließend ein Fülle an Informationen zur Entstehung von Siemens bekommt. Es wurde versucht, eine Rhythmik zu erschaffen die den Alltag repräsentiert mit der gegebenenfalls einleitenden U-Bahnfahrt hin und zurück zur Arbeit als auch den Alltag in Siemensstadt zu vertonen (arbeiten bei BMW, bzw. Freieit und Schule). Da der Verkehr ebenfalls eine prägnante Rolle spielt (typischer LKW Zuliefer- und Auslieferverkehr sowie die An- und Abreise der Arbeitnehmer), wurde auch dieser in Form von Atmos hinzugefügt. Da Siemensstadt industriell stark genutzt wird, herrscht dort ein reger Verkehr an PKWs und LKWs.
Liste der verwendeten Recording-Materialien für die Erstellung der Klangarbeit „Von damals bis heute“
• OKM ( Originalkopfmikrofone) der Firma Soundman
• Stereo Fieldrecorder M-Audio Micro Track 2 (Digitalrecorder)
Da schon im Vorfeld kommuniziert wurde, dass die Arbeiten via Kopfhörer dem Zuhörer dargeboten werden, war schnell geklärt die Aufnahmen unter Zuhilfenahme von OKM (Originalkopfmikrofone) durchzuführen. Hierbei ist die besonders gut ausgeprägte dreidimensionale Abbildung etwaiger Klangquellen zu benennen. Die Originalkopfmikrofonie ist der Kunstkopfmikrophonie nachempfunden und liefert vergleichbare Ergebnisse. Das besondere hierbei ist die Vereinigung verschiedener Stereomikrofoniearten. So addieren sich bei diesem Verfahren Pegelstereofonie, Trennkörperstereophonie sowie Laufzeitdifferenzstereofonie. Das Ergebnis lässt den Zuhörer in den Mittelpunkt der Klangwelt eintauchen und vermittelt sehr gut einen räumlichen Eindruck. Schwierig bei der Originalkopfmikrofonie ist die korrekte bzw. einheitliche Ausrichtung der Mikrophone, welche sich fortwährend verändert, sobald der Mikrofontragende seinen Kopf bewegt. Damit einhergehend ist eine Verschiebung des Klangbildes, was beispielsweise einer Bewegung des Sprechers im Stück gleich kommt. Zusätzlich hat sich herausgestellt, dass die Mikrofone ohne die Verwendung von einem „Windjammer“ (Windschutz) sehr windanfällig sind. Die Windgeräusche schlagen sich in einer verschlechterten Sprachverständlichkeit nieder.
Konklusion:
In meiner Arbeit „Von damals bis heute“ beschäftige ich mich mit der historischen Entstehung von Siemens und Siemensstadt. Es ist durchaus zu bejahen, dass das ganze Stück durch die Auskunft des Chefstatistikers erst an Inhalt und Form gewinnt. Dementsprechend war es ein Glücksfall eine so kompetente Person zu treffen. Dennoch ist der Gedanke der Vertonung der drei Punkte „ Arbeiten, Wohnen und Freizeit“ konsequent verfolgt und umgesetzt worden. Auch wenn das Stück eher einen Radiofeature Charakter hat und eher informativ gehalten ist, enthält es dennoch so abstrakte Klangkollagen, weshalb es zu mehr als nur einem Radiobeitrag avanciert. Mir hat die Arbeit durch seine Kombination von praktischer sowie theoretischer Umsetzung viel Spaß gemacht und ich freue mich auf weitere spannende Projekte.